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Reportagen und Kurzgeschichten

Den Himmel zwischen den Fingern

Claudia Mühlbauer ist Fahrzeuginnenausstatterin mit Rolls-Royce-Erfahrung

Gangkofen - Wer kann schon von sich behaupten, dass er jeden Tag den Himmel auf Erden macht? Claudia Mühlbauer kann. Die Fahrzeuginnenausstatterin arbeitet bei einem Automobilhersteller in der sogenannten Himmelmanufaktur. Oberklasse-Autos mit einer perfekten Innendecke auszustatten ist für sie nicht nur ein toller Job, sondern auch ein handwerklicher Beruf mit hervorragenden Aussichten. Sehr zur Freude ihrer Mutter.

„Es ist einfach schön zu sehen, wie sie sich in den letzten Jahren nicht nur beruflich, sondern auch persönlich entwickelt hat“, sagt Gabriele Mühlbauer.

Deshalb steht die 46-Jährige auch hinter den Zielen der Kampagne „Elternstolz“ des Bayerischen Wirtschaftsministeriums, der Industrie- und Handelskammern in Bayern (BIHK) sowie der Arbeitsgemeinschaft der bayerischen Handwerkskammern (HWK). Sowohl Jugendliche als auch deren Eltern sollen so von den Vorteilen einer Handwerkslehre oder Ausbildung überzeugt werden. „Höchste Zeit, dass viel mehr junge Menschen die Chancen erkennen, die sich nach einer guten Ausbildung bieten“, findet auch Gabriele Mühlbauer. Sie sagt das nicht nur als Mutter, sondern auch mit Blick auf die eigene Firma. Der Fachbetrieb für Sanierung und die Montage von Bauelementen sucht gerade händeringend einen neuen Mitarbeiter. „Es fehlt qualifizierter Nachwuchs. Eine motivierte Bewerberin wie meine Tochter, die könnten wir gut gebrauchen.“

Schon als Kind hat Claudia ihrem Vater gerne bei der Arbeit zugeschaut - und mit angepackt.

Später nach verschiedenen Berufspraktika während der Realschulzeit verstärkte sich der Wunsch nach einer Ausbildung: „Ich will einfach am Ende des Tages etwas in der Hand halten oder zumindest sehen, was ich geschafft habe. Immer nur Büro und Computer, das wär‘ nichts für mich.“ Bei einem Berufsinformationstag fand sie dann Gefallen an der Idee, Fahrzeuginnenausstatterin zu werden. „Vor allem, weil ich gerne nähe.“

Drei Jahre dauerte die Ausbildung bei dem bayerischen Autobauer. „Langweilig wurde mir nie“, sagt die junge Frau.

Von der Stanzerei über den Musterbau bis zur Polsterei und der Näherei lernte sie alle Facetten des Berufs kennen. Die Theorie über Fertigungstechnik oder Lederherstellung vermittelten die Lehrer an der Berufsschule in Mainburg. Zudem nutzte Claudia Mühlbauer die Möglichkeiten, die ihr der Weltkonzern bot. Sie engagierte sich in der Jugendvertretung des Betriebsrats, schnupperte gerne in fachfremde Bereiche der Produktion und erfüllte sich mit einer Auslandstätigkeit bei Rolls-Royce in England einen Traum: „Dort spielt das Thema Innenausstattung noch einmal eine ganz andere Rolle. Es war eine phantastische Zeit.“

Nach ihrem Einser-Abschluss im Jahr 2015 wurde die Fahrzeuginnenausstatterin übernommen, seitdem fertigt Claudia Mühlbauer in Dingolfing die Himmel für die Autofahrer. Ob es noch Vorbehalte gegen Frauen in der Männerbranche Kfz gibt? „In meiner Abteilung habe ich das nie gespürt, zumal dort auch viele Frauen arbeiten. Und in der Ausbildung war das Verhältnis ohnehin fast 50 zu 50.“ Dennoch habe sie diesen Punkt zu Beginn durchaus als Ansporn empfunden: „Man will sich ja auch beweisen und Anerkennung bekommen. Und als Frau vielleicht noch ein kleines Stück mehr.“

Demnächst will sich die 21-Jährige um ein Weiterbildungsstipendium bewerben und wenn möglich ihren Meister machen.

„Und dann vielleicht noch einmal ins Ausland oder in die Selbstständigkeit: Da stehen jetzt viele Wege offen.“ Momentan fühlt sie sich aber in der Polsterei bestens aufgehoben. Selbst die Schichtarbeit macht ihr wenig aus: „Ich mag diese Abwechslung. Und außerdem wird sie gut bezahlt.“ Ob sie schon auf einen Rolls-Royce spart? „So schön er innen auch ist“, lacht Claudia Mühlbauer. „Einparken möcht‘ ich ihn nicht jeden Tag.