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Reportagen und Kurzgeschichten

Ausbildung zum Land- und Baumaschinenmechatroniker: Die Traktorenflüsterin

Simone Mühlberger ist Landmaschinenmechatronikerin und repariert Kettensägen und Erntemaschinen für Heu. Ihre Leidenschaft für diesen Männerberuf verdankt sie ihrem Vater Thomas, der sie auch ausgebildet hat.

 

Frauenau – Als Simone Mühlberger zehn Jahre alt war, half sie ihrem Vater, einen Traktor wieder in Gang zu bringen. Gemeinsam mit ihrem Vater bediente sie einen Kran, mit dem sie die Fahrerkabine nach oben hoben, unter der sich der Motor mit dem kaputten Getriebe befand. Während sie auf die Bedienungsknöpfe drückte, sagte sie ihm in breitem Niederbayerisch: „Papa, wenn ich groß bin, werde ich Mechaniker wie du.“ Thomas Mühlberger schmunzelte und schaute seine Tochter stolz an. „Natürlich hat mich ihre Begeisterung gefreut“, erinnert sich der 54-Jährige. „Aber sie war noch klein. Ernst genommen habe ich ihren Wunsch damals nicht.“

 

Simone Mühlberger meinte es ernst. Mittlerweile ist sie ausgebildete Land- und Baumaschinenmechatronikerin mit Meisterbrief. Die 27-Jährige arbeitet mit ihrem Vater in seiner Landmaschinenwerkstatt in Frauenau im Bayerischen Wald. Kettensägen und Rasenmäher stehen in der kühlen, hohen Halle. In der Einfahrt parkt ein Traktor, dessen elektronische Steuerung kalibriert werden muss. Mehr als 20 Maschinen warten im Lagerraum auf ihre Reparatur. An Arbeit mangelt es hier nicht.

 

Wenn man sich in der Werkstatt umsieht, ahnt man schnell, dass hier körperlich hart gearbeitet wird. Das ist sicher ein Grund, weshalb die Ausbildung zum Land- und Baumaschinenmechatroniker bis heute eine Männerdomäne ist. Von den 7354 Auszubildenden, die der Zentralverband des Deutschen Handwerks und der deutsche Industrie- und Handelskammertag 2016 zählten, waren nur 111 Frauen. Bei schweren Aufgaben weiß sich Simone aber zu helfen. Falls sie einen Traktorreifen nicht alleine bewegen kann, fragt sie den Vater oder den Gesellen. Und wenn eine Schraube zu fest sitzt, nimmt sie ein Verlängerungsrohr. „Ich finde immer eine Lösung“, sagt sie.

 

Langjährige Kunden fragen heute nach der Tochter

In der ersten Zeit kam es vor, dass manche Kunden sie nicht für voll nahmen und mit ihrem Vater sprechen wollten. Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, dass Simone gute Arbeit abliefert. „Heute passiert es sogar, dass Kunden mich fragen, ob Simone nicht den Auftrag ausführen kann. Das macht mich stolz“, sagt Thomas Mühlberger. Gemeinsam beteiligen sie sich an der Kampagne „Ausbildung macht Elternstolz“, mit der das Bayerische Wirtschaftsministerium, die Industrie- und Handelskammern in Bayern (BIHK) und die bayerischen Handwerkskammern (HWK) sowohl Jugendliche als auch deren Eltern von den Vorteilen einer Handwerkslehre oder Ausbildung überzeugen wollen.

 

Nach der Schule beim Papa in die Lehre

Simone Mühlberger hat sich nie für einen anderen Beruf interessiert. Nach der Hauptschule begann sie 2006 ihre Lehre in der Werkstatt des Vaters. Gegen die Ausbildung zur Land- und Baumaschinenmechatronikerin in einer fremden Werkstatt entschied sie sich, weil sie sich mit den Kunden und den Maschinen in der Gegend um Frauenau vertraut machen wollte. Dort gibt es viele Nebenerwerbsbauern mit Grünland oder Wald. Dreieinhalb Jahre dauerte die Lehrzeit und damit etwas länger als andere Ausbildungen. Das liegt daran, dass sich die Lehrlinge in elektronische Steuerungen, hydraulische und pneumatische Systeme und die Mechanik ganz unterschiedlicher Maschinen einarbeiten müssen. Ihre Lehre schloss Simone 2010 als eine der Besten ihres Jahrgangs ab, sechs Jahre später absolvierte sie ihre Meisterprüfung. „Ihre guten Noten“, sagt Thomas Mühlberger, „haben mich auch als ihr Ausbilder gefreut.“

 

In der Werkstatt, die er seit 2000 betreibt und die Simone eines Tages übernehmen wird, kümmert er sich um die alten Maschinen. Bei denen sind viele Ersatzteile nicht mehr lieferbar und er fräst sie selbst. Simone tut sich bei neuen Traktoren leichter, in denen viel Elektronik verbaut ist – so wie beim Traktor, der vor der Werkstatt steht. Dass sie manchmal früh morgens auf ein Feld muss, um einen Schlepper zu reparieren, schreckt sie nicht. „Ich bin gerne in der freien Natur“, sagt sie und schaut auf ihre ölverschmierten Hände. Und wenn Thomas Mühlberger manchmal in Hektik verfällt, weil der Kunde ungeduldig wartet, bringt sie die Ruhe rein. „Bisher“, sagt sie, „haben wir es noch immer geschafft, die Maschine zum Laufen zu bringen.“