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Reportagen und Kurzgeschichten

Wenn die Tochter zum Lehrling wird

Anastasia Thornton macht eine Ausbildung zur Raumausstatterin - bei ihrer Mutter

Radersdorf - Eigentlich wollte Designerin Beatrix Thornton keinen Lehrling einstellen - bis die Bewerbung ihrer Tochter im Briefkasten lag. „Da konnte ich nicht Nein sagen.“ Nun macht Anastasia Thornton seit 18 Monaten im heimischen Betrieb eine Ausbildung zur Raumausstatterin.

 Dabei hatte die junge Frau zuvor von ihrer Mutter schon zwei mündliche Absagen kassiert. „Ich hielt das ursprünglich für keine gute Idee, dass sie bei mir in die Lehre geht“, erzählt Beatrix Thornton. Anastasia bewarb sich ein drittes Mal - schriftlich. „Dieser Mut, entgegen dem Rat vieler Freunde und Lehrer doch auf eine Ausbildung im Handwerk zu setzen, hat mich letztlich überzeugt.“

Genau das vermisst die 43-Jährige in der täglichen Arbeit als Unternehmerin: „An allen Ecken fehlen motivierte, junge Menschen, die das Handwerk als Chance begreifen und nicht als Abstellgleis.“ Deshalb unterstützt die Geschäftsführerin von „Trixi - Kreative Räume“ auch die Kampagne „Elternstolz“, mit der das Bayerische Wirtschaftsministerium, die Industrie- und Handelskammern in Bayern (BIHK) sowie die Arbeitsgemeinschaft der bayerischen Handwerkskammern (HWK) sowohl Jugendliche als auch Eltern von den Vorteilen einer Handwerkslehre oder Ausbildung überzeugen wollen.

 

Anastasia musste nicht überzeugt werden, sie wollte sich selbst überzeugen. „Vor allem davon, wie es ist, im Handwerk zu arbeiten und einen Betrieb zu führen“, sagt sie. Was als Azubi auf sie zukommen würde, wusste sie schon vorher genau. „Ich hab’ natürlich immer mit angepackt, wenn daheim Not am Mann war.“

Der Verdacht, dass sie als Tochter des Hauses einen Azubi-Bonus genießen könnte, treibt ihr nur ein müdes Lächeln ins Gesicht: „Ich stehe morgens zur selben Zeit wie die Gesellen im Laden und schleppe die gleichen 25-Kilo-Säcke. Nur dass ich beim Abendessen immer noch mit meiner Mutter über die Arbeit diskutiere und sonntags auch noch helfe unseren Messestand aufzubauen.“ Und was sagt die Chefin? „Selbstverständlich ist es eine besondere Konstellation, wenn man die eigene Tochter ausbildet. Dann liegt automatisch die Messlatte ein paar Zentimeter höher. Für sie, aber auch für mich.“

Was die Motivation der Tochter betrifft, musste sich die Raumausstatter-Meisterin nie Sorgen machen. Als Jahrgangsbeste machte Anastasia ihren Abschluss an der Mittelschule, mit Auszeichnung bekam sie später ihr Abschlusszeugnis an der Wirtschaftsschule überreicht. „Sie hat sicher auch viel von meiner Kreativität geerbt“, sagt Beatrix Thornton. „Aber sie hat eben auch noch viele andere Talente. Und könnte viele Wege einschlagen.“

Im Moment sieht die 18-Jährige aber vor allem die Möglichkeiten, die sich dank ihrer Ausbildung bieten. Vier Wochen lang absolvierte sie zuletzt ein Praktikum am Opernhaus in Zürich. „Das war eine tolle Zeit an einem unglaublich spannenden Ort. Mit all der Abwechslung, die ich an dem Beruf so mag.“

Auch im heimischen Betrieb erwartet sie fast jeden Tag eine andere Aufgabe: „Mal nähe ich Vorhänge, mal polstere ich Möbelstücke. Dann verlegen wir Boden und schließlich beraten wir Kunden, die sich ihren ganz persönlichen Wohntraum erfüllen wollen.“ Das theoretische Wissen vermitteln ihr die Lehrer in der Berufsschule in Mainburg. Dort stehen in den drei Ausbildungsjahren Fächer wie Stilkunde, Planung, Beratung sowie Raum- und Objektgestaltung auf dem Stundenplan.

Insgesamt drei Jahre dauert die Ausbildung zur Raumausstatterin. Und dann? Anastasia würde gerne für ein Jahr nach Amerika gehen - und ist bereits bestens informiert: „Es gibt da ein Förderprogramm für Fachkräfte mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung.“ Zu Hause würde dann aber eine Stütze fehlen. „Macht nichts“, sagt Mama Beatrix. „Aber wenn sie wieder zurück will, müsste sie sicher keine Bewerbung mehr schreiben.